„Es wäre mir lieber, wären meine Familienangehörigen heute im Gazastreifen, als damals in der Gaskammer gewesen“

Foto: Reinhessen gegen Rechts
Der Hörsaal N2 der Mainzer Uni platzte aus allen Nähten, bis in die letzten Winkel war er voller Menschen. Gestern Abend fand dort eine Podiumsdiskussion zum Thema Antisemitismus im 21. Jahrhundert statt. Das alleine könnte einen solchen Massenauflauf sicherlich/leider nicht erklären, wäre da nicht ein prominenter Gast unter den Teilnehmern gewesen: der Journalist und ehemalige Vizepräsident des Zentralrates der Juden in Deutschland Michel Friedman.
Mit ihm diskutierten der Mainzer Politikwissenschaftler Jürgen Falter (dem politisch interessierten Leser sicherlich aus den Medien bekannt), MdB Michael Hartmann (SPD), der Vorsitzende des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden Rheinland-Pfalz Peter Waldmann und der katholische Priester Klaus Mayer, der sich kurzfristig selbst in die Runde eingeladen hatte.
Mit dem hiesigen Stadionsprecher Klaus Hafner (Mainz 05) war die Rolle des Moderators leider eine klassische Fehlbesetzung. Zwar hatte er das Publikum im Griff, doch eine echte Diskussion kam erst nach etwa einer dreiviertel Stunde in Gang. Bis dahin glich die Veranstaltung eher fünf seperaten Einzelbefragungen, undynamisch, ohne Bezug oder Überleitung zwischen der gegebenen Antwort des Einen und der Frage für den Nächsten – eine für Friedman sichtlich ungewohnte Situation, hatte er doch zunächst niemanden, mit dem er sich streiten konnte. Vielleicht wirkte es auch deshalb zeitweise so, als würde er ersatzweise das Publikum als kollektiven Kontrahenten ansehen, auf das er bei seinen Antworten umso eindringlicher einredete.
Angesichts der traurigen Aktualität des Themas (Affäre um den Holocaust-Leugner Williamson, Gazakrieg) war es aber auch nur eine Frage der Zeit, bis die Runde schließlich lebhafter wurde: Friedman beklagte die Sonntagsreden der Politiker, auf die keine Taten folgten. Allerdings lobte er ausdrücklich Merkels klare Kritik am Verhalten des Papstes in Sachen Williamson, was Hartmann dazu veranlasste, darauf hinzuweisen, dass auch sein Parteichef Müntefering nicht versäumt hatte, den Papst zu kritisieren. Aber erst nach der Kanzlerin, erinnerte Friedman. Egal, meinte Hartmann jetzt, sie seien sowieso beide viel zu spät gewesen. Politiker dürften in solchen Situationen nicht erst abwarten, in welche Richtung sich die öffentliche Meinung entwickle und dann kritisieren. Wenn ein Bischof den Holocaust leugne, habe der Vatikan sofort Konsequenzen zu ziehen. Geschehe das nicht, müsse sich gerade die deutsche Politik dagegen wehren. Allgemeine Zustimmung auf dem Podium und auch im Publikum.
Friedman hielt nun einen minutenlangen Monolog darüber, wieso Vorurteile gegenüber Minderheiten jeglicher Art zu verurteilen seien und dass jeder Einzelne es mitzuverantworten habe, wieviel Pluralität in unserer Gesellschaft akzeptiert werde. Leidenschaftlich, laut, bestimmt war Friedman. Eine knackige Schlusspointe – tosender Beifall. Falter wies darauf hin, dass auch Friedman gerade nicht mehr als eine Sonntagsrede gehalten habe, wenn auch intellektuell auf deutlich höherem Niveau – tosenderer Beifall. Trotz der warmen Worte habe aber auch Friedman keinen echten Lösungsansatz für das Problem Antisemitismus nennen können. Die Wissenschaft habe gezeigt: Über die vergangenen Jahrzehnte hinweg habe der Anteil der deutschen Bevölkerung mit antisemitischen Tendenzen unverändert bei rund 15 Prozent gelegen. Trotz sozialer Projekte, trotz Aufforderungen zur Zivilcourage.
Auftritt Rhetoriker Friedman. Falters wissenschaftliche, empirische Darstellung deutete er um in eine „Hilflosigkeit“, die er so nicht akzeptieren wolle. Die beiden fielen sich ein paar mal gegenseitig ins Wort und so langsam bekam die Veranstaltung das für einen Mittwoch Abend typische Unterhaltungsniveau.
Friedman zog beim Thema Gazakrieg bizarre Vergleiche, die nicht nur unnötig, sondern auch polemisch und unangebracht waren: „Es wäre mir lieber, wären meine Familienangehörigen heute im Gazastreifen, als damals in der Gaskammer gewesen.“ Stille im Vorlesungssaal. „Hat er das jetzt wirklich gesagt?“ Ich persönlich halte es für äußerst verwerflich, das Leid von Menschen miteinander zu vergleichen, um eine Feststellung zu treffen, welches nun das größere Leid ist. Hintergrundinformation: 48 Angehörige Friedmans waren von den Nazis umgebracht worden.
Die meiste Zeit, wenn Friedman sprach, war der neben ihm sitzende Waldmann in heller Aufregung, im gefiehl offenbar gar nicht, was er da teils hörte. Was ihm genau missfiehl, sollte sein Geheimnis bleiben – Friedman zu unterbrechen oder sich das Wort zu erkämpfen traute er sich nicht. Moderator Hafner überging ihn auch mehrfach, was einen unwohlen Nachgeschmack hinterließ. Zur Diskussion konnte Waldmann kaum etwas beitragen.
Ähnliches galt für Mayer. Der alte, etwas zittrige Priester sprach sehr abgehackt, sodass sich der Sinn seiner Sätze erst nach und nach ergab – keine gute Voraussetzung um einem vollen, unruhigen Hörsaal ewas zu vermitteln. Seine Kritik an Williamson werteten die anderen Podiumsteilnehmer als eine „klare Aussage“, wie sie schon längst aus dem Vatikan hätte kommen müssen. Naja, unter „klar“ verstehe ich etwas anderes …
Dennoch war die Veranstaltung alles in allem sowohl interessant als auch unterhaltsam – was kann man sich mehr erhoffen? Friedman und Falter waren erwartungsgemäß die beiden dominanten Parts der Diskussion, mal gegeneinander, mal miteinander. Gerade Falter hat der Diskussion gut getan, weil es ihm in seiner wissenschaftlichen, besonnenen Art gelungen ist, einen Gegenpol zum rhetorisch übermächtigen Friedeman darzustellen. Obwohl ich große Schwierigkeiten damit habe, Friedman auch nur ansatzweise sympatisch zu finden, wurden die entscheidenden drei Denkanstöße, die ich mitnehmen konnte, ausgerechnet von ihm formuliert:
- Jeder Mensch hat Vorurteile. Sich mit sich selbst auseinanderzusetzen und diese Vorurteile aufzudecken ist eine schwierige Aufgabe, vor der man sich nicht scheuen darf.
- Diskriminiert jemand eine Minderheit, so lohnt es sich in jedem Fall zu widersprechen. Das muss zwar nicht unbedingt den Effekt haben, dass derjenige seine Meinung ändert. Aber es könnte z.B. den Effekt haben, dass ein Außenstehender – etwa ein Kind, das sich bislang noch keine Meinung darüber gebildet hat – nicht nur Position, sondern auch Gegenposition kennen lernt. Und schon das wäre ein Erfolg.
- Noch immer werden – auch in den Medien – sehr oft Juden und Israelis fälschlicherweise gleichgesetzt. Für mich verblüffendstes Beispiel, weil schon hundert Mal gehört aber noch nie reflektiert: der jüdische Siedlungsbau.
Denkt mal drüber nach.
Willkommen,
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