Wie Mainzer Studenten Presserat spielen. Und wie Verleger dagegen vorgehen.

Publizissimus (Sommersemester 2009)

Foto: Marcel Pauly (cc)

Den folgenden Artikel habe ich unter dem Titel „Die Mainzer Moralapostel“ für die heute erschienene Ausgabe des Publizissimus geschrieben, einem Magazin von und für Studenten des Instituts für Publizistik an der Uni Mainz. In dieser Online-Fassung habe ich den Artikel um ein paar Verlinkungen ergänzt.

Als der Student mit seinem Vortrag fertig ist, stimmen seine Kommilitonen per Handzeichen ab, dann steht es fest: Schleichwerbung, mal wieder. Im Vergleich zu früher lesen die Mainzer Journalismus-Studenten ihre Zeitungslektüre heute sehr viel aufmerksamer. Sie schauen genau hin, wenn ihnen etwas ethisch nicht ganz einwandfrei erscheint, etwa wenn der Name eines Gewaltopfers abgedruckt wird oder das unverpixelte Foto eines Kindes gezeigt wird, das bei einem Erdbeben ums Leben kam. Oder eben wenn mal wieder versteckte Werbebotschaften den Weg in redaktionelle Inhalte finden. Aber nicht jedem gefällt dieser kritische Blick.

Der Presserat ist die freiwillige Selbstkontrolle der deutschen Print- und Onlinemedien. Er hat den Pressekodex ausgearbeitet, der ethische Grundsätze für Journalisten festlegt. So ist es den Medien etwa untersagt, Persönlichkeitsrechte zu verletzen oder redaktionelle Inhalte mit Werbung zu vermischen. Jede Person kann sich beim Presserat über vermutete Verstöße gegen den Pressekodex beschweren. Hält der Presserat eine Beschwerde für begründet, kann er einen Hinweis, eine Missbilligung oder eine Rüge (nicht-öffentlich oder öffentlich mit Abdruckverpflichtung) aussprechen.

„Damit fing alles an.“ Professor Volker Wolff zeigt auf ein Sonderheft des Reisemagazins Merian mit dem Titel „Traumstraßen der Welt“. Auf auffällig vielen dieser fotografierten „Traumstraßen“ kann man auf Hochglanz polierte Autos der Marke Audi entdecken. Etwa in der sonst völlig menschenleeren Savanne Südamerikas: Das neueste Modell der Ingolstädter fuhr offenbar just in dem Augenblick durchs Bild, in dem der Fotograf den Auslöser drückte. Die vier Ringe deutlich zu erkennen. „Uns allen war sofort klar, das kann kein Zufall sein. Wir legten Beschwerde beim Presserat ein und der entschied: öffentliche Rüge wegen Schleichwerbung.“

Seit dem Sommersemester 2006 spielt Wolff zusammen mit seinen Studenten Presserat. Das geht so: Wer glaubt, in einer Zeitung oder Zeitschrift einen Verstoß gegen den Pressekodex gefunden zu haben, stellt den anderen Studenten diesen Fall vor. Es wird geklärt, was für und was gegen einen Verstoß spricht und wie in der Vergangenheit die Spruchpraxis des Presserats bei vergleichbaren Fällen aussah. Findet die Mehrheit der Studenten, dass ein Verstoß vorliegt, wird eine Beschwerde formuliert und beim Presserat eingereicht, der dann über Sanktionen entscheidet. Unterschrieben werden die Briefe alle von Wolff selbst. „Ich möchte nicht, dass meine Studenten wegen einer solchen Beschwerde namentlich bei Verlagen bekannt werden, für die sie später vielleicht einmal arbeiten wollen.“

Es ist nun schon das vierte Jahr in Folge, in dem Wolff den Mainzer Ober-Beschwerdeführer gibt. Routine stellt sich ein. „Mittlerweile läuft das alles sehr viel organisierter ab, als noch im ersten Jahr. Damals war es etwas chaotisch: Wenn den Studenten etwas auffiel, machten sie die Beschwerde fertig, ich unterschrieb und der Brief ging raus. Da passierte es auch schon mal, dass wir ein und den selben Fall doppelt einreichten.“ Deshalb weiß auch niemand so genau, wie viele Beschwerden es 2006 tatsächlich waren. Weit über hundert, soviel scheint sicher. Inzwischen ist die Zahl der Eingaben zwar deutlich kleiner geworden, das liegt aber vor allem daran, dass sich die Studenten nun sehr viel sorgfältiger mit ihren Fundstücken auseinandersetzen. Das macht sich auch in der Trefferquote bemerkbar: In den beiden vergangenen Jahren führte rund die Hälfte der Mainzer Eingaben zu Sanktionen durch den Presserat. Vergleicht man das mit den Eingaben anderer Beschwerdeführer, ist das weit überdurchschnittlich.

2006 2007 2008*
Mainzer Eingaben insgesamt ca. 120 34 20
davon sanktioniert (Quote) … 27 (ca. 22,5%) 17 (50%) 8 (44%)
… mit Hinweisen 6 1 1
… mit Missbilligungen 10 2 4
… mit nicht-öffentliche Rügen 4 10 2
… mit öffentliche Rügen 7 4 1
* Zwei Beschwerden aus dem Jahr 2008 waren zu Redaktionsschluss noch nicht ausgewertet. Die Quote errechnet sich folglich aus den acht sanktionierten Beschwerden in Relation zu 18 ausgewerteten Eingaben.

Tabelle: die Mainzer Beschwerden in Zahlen

Dabei war lange Zeit fraglich, ob die 2008 eingereichten Fälle überhaupt noch vom Presserat bearbeitet würden. Mehreren Verlegern war die Mainzer Beschwerdeflut schon lange ein Dorn im Auge. Der Axel-Springer-Verlag hält sie für missbräuchlich und forderte wiederholt eine Überprüfung durch das Plenum des Presserats. Wolff gehe es nicht um die Berufsethik von Journalisten, sondern nur um Inhalte für seinen Unterricht. Er erzeuge beim Presserat „Vorgänge“, um sie für seine Forschungs- und Lehrtätigkeit einzusetzen. Im Oktober 2008 beschloss der Presserat, den Vorwürfen Springers nachzugehen. Die Bearbeitung der bereits eingereichten Mainzer Beschwerden wurde bis zu einer Entscheidung ausgesetzt.

Wolff kann der Argumentation Springers nicht folgen. „Das ist eine bösartige Verzerrung der Tatsachen. Meine Lehrtätigkeit ist nicht von Entscheidungen des Presserats abhängig. Diese Veranstaltung findet sowieso nur dann statt, wenn die Studenten das wünschen, ‚on-Demand‘.“ Fragt man ihn, ob die Mainzer Beschwerden auch schon mal positive Resonanz erfahren haben, erzählt Wolff die Geschichte einer Stern-Journalistin. „Das ist ja unglaublich, dass ihr mich da erwischt habt“, soll sie gesagt haben, und „das wird mir nie wieder passieren.“ Zwar hielten einige Verleger die Mainzer mittlerweile nur noch für notorische Querulanten. Doch mehrfach habe man jetzt auch schon aus Redaktionen gehört: „Bitte macht weiter!“

Sie machen weiter. Am 4. März 2009 entschied das Plenum des Presserats zugunsten des Journalistischen Seminars. Die Beschwerden seien nicht missbräuchlich gewesen. Ein Sieg für die Mainzer, auch wenn Wolff es niemals so nennen würde. „Es freut mich, aber wir feiern das nicht. Hier macht auch niemand eine Kerbe in die Tür, wenn eine Beschwerde erfolgreich war. Es geht uns wirklich ausschließlich um ethisch einwandfreien Pressejournalismus.“

Vor allem das Thema Schleichwerbung hat es Wolff angetan. In der nächsten Zeit erwartet er hier einen massiven Anstieg, nicht zuletzt wegen der Wirtschaftskrise. „Wenn die normalen Werbeeinnahmen einbrechen und die Anzeigenabteilungen unter finanziellen Druck geraten, beginnt man, solche krummen Geschäfte zu machen.“ Demnächst erscheint das Buch „Vorsicht Schleichwerbung!“, das er gemeinsam mit Absolvent Dominik Bartoschek geschrieben hat. Es soll ein Leitfaden für Redaktionen sein und die Spruchpraxis des Presserats in Schleichwerbe-Fällen erläutern. Auch Beschwerden aus Mainz wird es enthalten, ausgerechnet. Dabei war es doch auch ein Vorwurf Springers, Wolff würde die beim Presserat „erzeugten Vorgänge“ in der eigenen Forschung nutzen. „Ich bin nun mal auch Wissenschaftler und wenn ich feststelle, dass sich eine Presseratsentscheidung komplett widersprüchlich zu einer früheren Entscheidung verhält, dann muss ich das dokumentieren. Und wenn das einen von uns eingeschickten Fall betrifft, dann ist das eben so.“ Ob das Buch noch zum Stolperstein für die studentischen Beschwerden wird, wird sich zeigen.

Auch von anderer Seite baut sich Druck auf. Obwohl der Presserat die Mainzer Beschwerdeflut bislang nicht für missbräuchlich hielt, könnte eine erneute Überprüfung zum gegenteiligen Ergebnis kommen. Aus Verlagen, die auch im Presserat sitzen, würden bereits Stimmen laut, die Wolff vor einem Weitermachen warnen. „Ich weiß nicht wie genau die Fronten verlaufen. Aber man sagt mir, die Entscheidung im März sei sehr knapp gewesen, ich hätte Glück gehabt. Und beim nächsten Mal klappe es vielleicht nicht mehr.“

Disclosure: Ich bin selbst Student am Mainzer Institut für Publizistik, zu dem auch das Journalistische Seminar gehört, an dem besagte Veranstaltung stattfindet. Zwar habe ich sie nie besucht, doch war Professor Volker Wolff bereits in anderen Veranstaltungen mein Dozent und wird es möglicherweise auch noch öfter sein.

  

Kommentar schreiben