Wulffs Kredit-Affäre: Bild dir ihre Meinung

Fotos: Tim Green (cc, größere Versionen)

In der Affäre um Christian Wulffs Hauskredit wird es Zeit, die Rolle der Bild-Zeitung zu hinterfragen. Denn sie ist längst nicht mehr Berichterstatter, sondern handelnder Akteur.

In den vergangenen Tagen kommen nicht nur immer neue mutmaßliche Verfehlungen des Bundespräsidenten zutage. Es wird auch immer deutlicher, mit welchen fragwürdigen Methoden und Absichten das größte Boulevard-Blatt Europas arbeitet, wie es andere Medien instrumentalisiert und sich selbst als letzter, unabhängiger Verfechter der Pressefreiheit inszeniert.

Die Vorgeschichte

Die Bild-Zeitung war zwar am 12. Dezember die erste, die über die Hintergründe von Wulffs Hausfinanzierung berichtete. Doch sie war nicht die einzige, die an der Geschichte dran war. Auch Spiegel und Stern hatten Monate lang dem Wulff’schen Hauskredit hinterher recherchiert. Nachdem Ende 2010 Gerüchte aufkamen, Wulff, damals noch niedersächsischer Ministerpräsident, und seine zweite Ehefrau Bettina hätten ihr neues Eigenheim zu besonders günstigen Konditionen vom umstrittenen AWD-Gründer Carsten Maschmeyer erworben, beantragte der Spiegel Grundbucheinsicht. Korruptionsvorwürfe lagen in der Luft. Das Grundbuchamt verweigerte zunächst die Auskunft, erst nach einem monatelangen Rechtsstreit gab der Bundesgerichtshof im August 2011 dem Spiegel Recht und entschied, dass Journalisten – auch anderer Medien – die Eigentumsverhältnisse einsehen dürfen, wenn es dem öffentlichen Interesse dient. Aus den nun zugänglichen Akten ging hervor, dass Maschmeyer nicht der Verkäufer war und dass die Finanzierung über einen Kredit der Stuttgarter BW-Bank lief. Der Hauskauf war scheinbar sauber.

Ende November bekam die Bild-Zeitung vom Bundespräsidialamt die Auskunft, dass der Kreditvertrag mit der BW-Bank erst im März 2010 zustande kam, obwohl Wulff sein Haus schon 2008 gekauft hatte. Der im Grundbuch vermerkte Kredit musste also einen anderen, vorherigen Kredit abgelöst haben. In der Woche vor der Bild-Erstveröffentlichung legte das Präsidialamt den Namen Edith Geerkens als Kreditgeberin offen. Am 12. Dezember dann der Vorwurf auf der Bild-Titelseite: Als Wulff im Februar 2010 im niedersächsischen Landtag jedwede Geschäftsbeziehung zu Edith Geerkens‘ Ehemann Egon bestritt, habe er nur haarscharf an einer Lüge vorbeigeantwortet und den Landtag damit möglicherweise bewusst getäuscht.

Wie Wulffs Anruf öffentlich wurde

Was zwischen Offenlegung des Namens Geerkens und dem ersten Bericht geschah, wurde erst nach und nach bekannt und dokumentiert Bild inzwischen öffentlich: Am 11. Dezember, einem Sonntag, mailte die Bild-Zeitung früh morgens um 6:49 Uhr sechs Fragen an das Präsidialamt zu Wulffs Hausfinanzierung und seiner Aussage im niedersächsischen Landtag. Wulff selbst befindet sich zu diesem Zeitpunkt auf einer Dienstreise durch die Golfstaaten. Bis 16 Uhr erwarte man Antworten. Wie man Druck aufbaut, wissen sie, die Bild-Redakteure. Nachdem sie auf Bitten des Präsidialamtes einen Tag Aufschub gewährten, faxte Wulffs Sprecher am Montag, den 12. Dezember kurz nach 16 Uhr die Antworten in die Bild-Redaktion, zog sie aber kurz darauf wieder zurück. Die Bild-Zeitung hatte klar gemacht, dass sie dienstags auch ohne die Antworten die Geschichte bringen würde. Was folgte, war der Anruf Wulffs auf der Mailbox des Bild-Chefrdakteurs Kai Diekmann, mit dem er – folgt man der Interpretation der Bild-Zeitung – versucht haben soll, die Berichterstattung zu unterbinden, was einem Eingriff in die Pressefreiheit gleichkomme. Am 15. Dezember rief Wulff – inzwischen zurück in Deutschland – noch einmal Diekmann an und entschuldigte sich für den Wut-Anruf. Währenddessen diskutierte die Bild-Redaktion schon, ob sie die Mailbox-Nachricht öffentlich machen soll.

Angeblich entschied sich Diekmann nach Wulffs Entschuldigung gegen eine Veröffentlichung. Jedenfalls sollte sie nicht im eigenen Blatt geschehen: taz und Süddeutsche Zeitung berichten, wie „Bild-Leute seit Tagen mit Wulffs Sätzen bei anderen Medien hausieren gehen. Gerne lesen die Kollegen aus der Abschrift am Telefon vor [...]. Der Bild-Chef, der in seinem Haus ein strenges Regiment führt, weiß natürlich von diesem Durchstechen, ja er tut es sogar selbst.“ Zunächst sei dem „angeblichen Drängen der Bild-Leute, [die Zitate] zu veröffentlichen, [...] aber niemand gefolgt. Bei der FAS seien die Zitate nur gelandet, weil sie die zeitlichen Abläufe der sich anbahnenden Krise um Wulff dokumentieren halfen.“

Das war – wegen des Neujahrstages erschien die FAS schon samstags – am 31. Dezember. Ihre volle Wucht entfalteten die Zitate aber erst zwei Tage später, als am 2. Januar auch die Süddeutsche Zeitung – nach eigenen Angaben erst durch die FAS-Geschichte alarmiert – über die Mailbox-Nachricht berichtete. Wulffs Respekt vor der Pressefreiheit, den er bei seiner bis dahin einzigen öffentlichen Erklärung zur Affäre noch beteuert hatte, stand plötzlich in Frage. Die Bild-Zeitung konnte sich als Opfer eines zensierenden Staatsoberhauptes gerieren. Die anderen Medien gaben bereitwillig Schützenhilfe: Obwohl zunächst nur einzelne, sehr kurze Ausschnitte aus Wulffs Mailbox-Nachricht bekannt waren, folgte man unkritisch der Bild-Interpretation, der Anruf komme einer Verletzung der Pressefreiheit gleich.

Der Kampf um die Deutungshoheit

Im Interview mit ARD und ZDF am 4. Januar bezeichnete Wulff seinen Anruf bei Diekmann als „schweren Fehler“. Allerdings habe er mit der Nachricht nicht versucht, die Berichterstattung zu verhindern: „Ich habe dann gebeten, einen Tag zu verschieben, die Veröffentlichung, damit man darüber reden kann, damit sie sachgemäß ausfallen kann. [...] Ich habe darum gebeten, einen Tag abzuwarten, und in der Berichterstattung aufzunehmen, dass ich den Vertrag offenbart habe, die private Kreditgeberin genannt habe, und nicht zu berichten, man habe das recherchiert.“ Dieser Darstellung widersprach noch am selben Abend Nikolaus Blome, stellvertretender Bild-Chefredakteur und Leiter des Hauptstadtbüros der Zeitung. Im Deutschlandfunk sagte er, Wulff habe mit seinem Anruf ganz klar das Ziel verfolgt, „diese Berichterstattung zu unterbinden“.

Einen Tag später, am 5. Januar, legt Bild nach und wird endgültig zum handelnden Akteur in der Causa Wulff: In einem selbstgefälligen offenen Brief bittet sie Wulff um Erlaubnis, eine vollständige Abschrift der Mailbox-Nachricht zu veröffentlichen, um das Ziel des Anrufs zu klären. Natürlich lehnt Wulff ab. Niemand kann ernsthaft daran geglaubt haben, dass ein Bundespräsident zustimmt, das diskreditierende Dokument eines wohl sehr emotionalen Moments zu verbreiten. Das wusste Bild natürlich und konnte so den Anschein erwecken, die eigene Lesart sei korrekt und Wulff habe etwas zu verbergen. Die anderen Medien sind zu diesem Zeitpunkt längst nur noch Spielball im Hin-und-Her zwischen Bild und dem Bundespräsidenten. Sie können nur noch mit ansehen und abbilden, wie da ein Presseorgan und ein Verfassungsorgan um die Deutungshoheit ringen.

Ob Wulff mit seinem Anruf den Artikel nun verhindern oder nur verschieben wollte, sei wohl tatsächlich Auslegungssache, sagt inzwischen Ulrich Deppendorf, Leiter des ARD-Hauptstadtstudios, der die Mailbox-Nachricht in Auszügen zu kennen scheint. Am 6. Januar sagte er in der Tagesschau, Wulff verbiete in der Nachricht nicht wörtlich die Veröffentlichung der Recherchen, sondern „er bittet um Verschiebung und bietet ein Gespräch an nach seiner Rückkehr aus den Golfstaaten. Auch um dann [...] ‚entscheiden zu können, wie wir Krieg führen‘. Er droht mit Strafantrag gegen Bild-Redakteure, seine Anwälte seien bereits beauftragt, und diese unglaubliche Geschichte werde zum endgültigen Bruch mit dem Springer-Konzern führen. Er wolle nach seiner Rückkehr mit seiner Frau eine Pressekonferenz geben. Es werde dabei um die Methoden der Bild-Zeitung gehen, der Rubikon sei überschritten.“

Die Methode Bild

Über die Methoden der Bild-Zeitung im Zusammenhang mit dem Ehepaar Wulff spekulieren Medien schon seit Beginn der Kredit-Affäre. Immer wieder ist von Dokumenten die Rede, die die Affäre endgültig in eine schmutzige Schlammschlacht verwandeln würden. So schrieb die Berliner Zeitung am 16. Dezember: „Wenn Wulff nicht bald folge, so wurde in Berlin gemunkelt, könne das Blatt mit einer Geschichte über das frühere Leben Bettina Wulffs aufwarten. Angeblich verfügt die Redaktion über Informationen, die bisher auf Weisung von ganz oben nicht gedruckt werden dürfen. Aus Respekt vor dem Amt des Bundespräsidenten.“

Obwohl Bild-Hauptstadtbüroleiter Blome schon am 18. Dezember bei Günther Jauch die Gerüchte vehement dementierte, halten sie sich hartnäckig und es taucht die Frage auf, ob sich Wulffs Wut-Anruf tatsächlich nur auf die Recherchen zu seinem Hauskredit bezogen haben konnte. Hätte das schon gereicht, um von einer „unglaublichen Geschichte“ zu sprechen? Und was hat es mit der angekündigten, dann aber nicht abgehaltenen Pressekonferenz auf sich?

„Wer mit der Bild im Aufzug nach oben fährt, der fährt mit ihr auch wieder runter.“ Das vielbemühte Zitat von Springer-Chef Matthias Döpfner beschreibt treffend die Methode der Bild-Zeitung, Politiker in ein Abhängigkeitsverhältnis zu bringen, von dem diese glauben, es sei ein wechselseitiges: gute Geschichten für Informationen. Dass es sich dabei immer nur um ein Arrangement auf Zeit handelt, hat Bild in der Causa Wulff wieder einmal eindrucksvoll bewiesen. Genauso, dass sie sich im Zweifel gegen das Berichten und für das aktive Handeln entscheidet. Das Ziel dieses Handelns scheint eine unmissverständliche Machtdemonstration zu sein: Die Bild-Zeitung kann einen Bundespräsidenten stürzen.

  

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